Müdigkeit unter der Abnehmspritze: Warum die ersten Wochen so anstrengend sind
Müdigkeit zählt zu den häufigsten Nebenwirkungen der Abnehmspritze. Woher sie in den ersten Wochen kommt, was Flüssigkeit damit zu tun hat und was hilft.
Wer mit einer Abnehmspritze beginnt, rechnet mit Übelkeit. Auf die bleierne Müdigkeit der ersten Wochen sind viele dagegen nicht vorbereitet.
Dabei hat sie erklärbare Gründe. Und die meisten davon lassen sich im Alltag abfedern.
Ist Müdigkeit unter der Abnehmspritze normal?
Ja. Müdigkeit gehört bei Semaglutid, dem Wirkstoff der gängigen Abnehmspritzen und seit September auch einer Tablette, zu den sehr häufigen Nebenwirkungen und betrifft laut Produktinformation mehr als einen von zehn Behandelten.1
Sie tritt vor allem in der Startphase auf, wenn die Dosis schrittweise erhöht wird. Bei den meisten lässt sie nach einigen Wochen nach, sobald sich der Körper an den Wirkstoff und an die kleineren Portionen gewöhnt hat.
Wer nach zwei, drei Monaten immer noch dauerhaft erschöpft ist, sollte das ärztlich abklären lassen. Müdigkeit kann viele Ursachen haben, und nicht jede hängt mit der Spritze zusammen.
Woher kommt die Erschöpfung?
Meist wirken drei Dinge zusammen: weniger Energie aus dem Essen, weniger Flüssigkeit und ein Körper, der sich umstellt. Der Wirkstoff dämpft den Appetit so stark, dass viele plötzlich nur noch einen Bruchteil der gewohnten Kalorien zu sich nehmen.
Das ist gewollt, aber der Körper reagiert wie auf jede abrupte Diät: mit Trägheit, Konzentrationslücken und dem Gefühl, gegen einen Widerstand zu arbeiten. Kommt dann noch Übelkeit dazu, fällt oft auch das Trinken schwer.
Warum verliert man in der Startphase so viel Flüssigkeit?
Weil die häufigsten Nebenwirkungen den Magen-Darm-Trakt betreffen: Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Verstopfung stehen ganz oben auf der Liste.1 Wer sich übergibt oder Durchfall hat, verliert Wasser, und gleichzeitig sinkt das Durstgefühl, weil sich der Magen ohnehin voll anfühlt.
Diese Kombination ist tückisch. Die Produktinformation warnt ausdrücklich davor, dass Flüssigkeitsverlust durch Erbrechen und Durchfall in Einzelfällen die Nieren belasten kann, und rät, auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten.1
Mit dem Wasser gehen auch Mineralstoffe verloren, vor allem Natrium und Kalium. Das erklärt, warum sich ein leichter Flüssigkeitsmangel oft nicht als Durst zeigt, sondern als Müdigkeit, Kopfdruck oder Schwindel beim Aufstehen.
Wie viel sollte man trinken?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Richtwert für Erwachsene rund 1,5 Liter am Tag aus Getränken, bei Hitze, Sport oder Flüssigkeitsverlust entsprechend mehr.2 In der Startphase einer Abnehmspritze ist dieser Wert eher die Untergrenze, gerade an Tagen mit Übelkeit oder Durchfall.
Wer den Durst nicht spürt, braucht eine Routine statt eines Gefühls. Ein Glas zu jeder festen Tageszeit kommt weiter als der Vorsatz, „mehr zu trinken”.
Hilft es, anders zu essen?
Ja, denn bei stark gedämpftem Appetit zählt jede Portion doppelt. Wer nur wenig isst, sollte das Wenige so wählen, dass es lange trägt: Eiweiß, Ballaststoffe, etwas Salz und Flüssigkeit statt Weißbrot und Süßem.
Ein eiweißreiches Frühstück hält den Blutzucker stabiler und beugt dem Loch am Vormittag vor. Und ein Nachmittagstief lässt sich unter der Spritze genauso angehen wie ohne: Tageslicht, ein Glas Wasser, eine echte Pause.
So sieht das praktisch aus
- Trinken nach Uhr statt nach Durst: morgens, zu jeder Mahlzeit, am Nachmittag und am Abend je ein großes Glas Wasser oder ungesüßter Tee.
- Salz nicht vergessen: eine Tasse Brühe, ein Stück Käse oder ein herzhaftes Frühstück ersetzen, was bei Durchfall oder Erbrechen verloren geht.
- Kleine, eiweißreiche Mahlzeiten: Skyr, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch. Lieber fünfmal wenig als zweimal gar nicht.
- Langsam aufstehen: wer beim Hochkommen schwindelig wird, bleibt kurz sitzen, trinkt etwas und steht dann erst auf.
- Bewegung in kleinen Dosen: ein Spaziergang von zehn Minuten macht oft wacher als eine Stunde Sofa.
- Dosissteigerung nicht überstürzen: wer sich auf einer Stufe schlecht fühlt, spricht mit der Praxis, bevor die nächste kommt.
Wann sollte man zum Arzt?
Dann, wenn Erbrechen oder Durchfall länger als ein oder zwei Tage anhalten, wenn man kaum noch Wasser lässt oder der Kreislauf beim Aufstehen regelmäßig wegkippt. Das sind keine Zeichen von Schwäche, sondern Hinweise, dass der Flüssigkeitshaushalt Hilfe braucht.
Auch wer Blutdrucksenker oder Entwässerungstabletten nimmt, sollte den Flüssigkeitsverlust mit der Praxis besprechen. Hier kann sich der Effekt aufsummieren.
Kein Grund zur Panik, aber ein Grund zur Routine
Die Müdigkeit der ersten Wochen ist für die meisten eine Phase, kein Dauerzustand. Sie wird kleiner, wenn Essen, Trinken und Salz wieder in einem Rhythmus laufen, den der gedämpfte Appetit nicht mehr von selbst vorgibt.
Ein Wundermittel dagegen gibt es nicht, und mehr Koffein ist auch keins. Was hilft, ist unspektakulär: regelmäßig trinken, wenig, aber gut essen und den Körper nicht zusätzlich in Hektik bringen.
Quellen
-
Europäische Kommission / EMA, Produktinformation Wegovy (Semaglutid), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Abschnitte 4.4 (Warnhinweise, Dehydratation) und 4.8 (Nebenwirkungen), ec.europa.eu ↩ ↩2 ↩3
-
Deutsche Gesellschaft für Ernährung, „Getränke” im DGE-Ernährungskreis, Richtwert rund 1,5 Liter pro Tag, dge.de ↩