Haarausfall in den Wechseljahren: Was dahintersteckt und was die Abklärung bringt
Ab 40 werden die Haare vieler Frauen dünner. Warum Haarausfall in den Wechseljahren häufig ist, welche Formen es gibt und was die Praxis abklärt.
Mehr Haare bleiben in der Bürste hängen, der Scheitel wirkt breiter, und der Zopf fällt dünner aus: Bei vielen Frauen fällt das zuerst mit vierzig oder fünfzig auf. Haarausfall in den Wechseljahren kommt oft vor, darüber gesprochen wird jedoch selten, und behandelt wird er häufig mit dem falschen Mittel.
Es lohnt sich, nach den Ursachen zu suchen, denn hinter dünner werdendem Haar stecken sehr unterschiedliche Dinge. Manche lassen sich beheben, andere lassen sich bremsen, und was überhaupt hilft, entscheidet sich an dieser Unterscheidung.
Warum fallen in den Wechseljahren mehr Haare aus?
Die Haarwurzeln reagieren auf die Hormonumstellung, weil sich dadurch das Gleichgewicht zwischen Östrogenen und männlichen Hormonen verschiebt. Da Östrogene die Wachstumsphase der Haare verlängern, endet diese Phase früher, sobald ihr Spiegel sinkt.
Gleichzeitig gewinnen die männlichen Hormone an Bedeutung, die Frauen ebenfalls in geringer Menge produzieren. An Haarwurzeln, die erblich bedingt auf diese Hormone empfindlich reagieren, werden die Haare von Zyklus zu Zyklus dünner und kürzer.
Dazu kommt, dass in der Lebensmitte häufig mehrere Belastungen gleichzeitig auftreten: Stress, Schlafmangel, Gewichtsschwankungen, neue Medikamente. Oft sind die Wechseljahre also der Auslöser, doch die alleinige Ursache sind sie nicht immer.
Diffus oder erblich: welche Form ist es?
Bei Frauen treten vor allem zwei Formen auf, und ihr Erscheinungsbild unterscheidet sich. Der erblich bedingte Haarausfall, in der Fachsprache androgenetische Alopezie, lichtet den Scheitelbereich, während die vordere Haarlinie meist stehen bleibt.1
Bei Frauen ist das die verbreitetste Art von Haarausfall, und mit steigendem Alter tritt sie öfter auf. Eine Glatze bekommen Frauen dadurch so gut wie nie, doch der Scheitel erscheint breiter und die Kopfhaut scheint hindurch.
Diffuser Haarausfall, auch telogenes Effluvium genannt, ist die zweite Form. Gleichmäßig über den ganzen Kopf verteilt fallen dann mehr Haare aus, üblicherweise zwei bis drei Monate, nachdem ein Auslöser wie eine Operation, hohes Fieber, eine Crash-Diät oder eine stark belastende Phase aufgetreten ist.
Meist verschwindet der diffuse Haarausfall von selbst, wenn der Auslöser nicht mehr besteht; nach Monaten wachsen die Haare wieder nach.
Welche Rolle spielen Eisen und Schilddrüse?
Bei diffusem Haarausfall gehören Eisenmangel und Schilddrüsenstörungen zu den Laborbefunden, die am häufigsten mitbeteiligt sind. Frauen um die Lebensmitte trifft beides häufig, und eine Blutabnahme kann klären, ob es vorliegt.
Beim Eisen ist Ferritin der Speicherwert, auf den es ankommt; der Hämoglobinwert allein reicht nicht. Ein Zusammenhang zwischen niedrigem Ferritin und Haarausfall wird in der Fachliteratur seit Jahren diskutiert, weshalb die Bestimmung zur Standardabklärung zählt.2
Nicht bei jeder Frau mit niedrigem Wert kommt es zu Haarverlust. Genau das dürfte der Grund dafür sein, dass die Studien zu diesem Punkt kein einheitliches Bild abgeben.
Auch eine Schilddrüsenunter- oder -überfunktion wirkt sich auf den Haarzyklus aus. Bei Frauen mit Haarausfall zeigte eine Untersuchung, dass ein Teil der Betroffenen mit diffusem Ausfall eine bis dahin unerkannte Schilddrüsenstörung hatte.3
Aus diesem Grund ergibt es kaum Sinn, Eisen oder Biotin auf Verdacht hin einzunehmen. Wenn kein Mangel vorliegt, nützt die Ergänzung nichts, und ein Zuviel an Eisen schadet, weshalb vor jeder Tablette die Messung steht.
Was klärt der Besuch in der Praxis?
Die Abklärung fängt mit einem Gespräch und einem Blick auf die Kopfhaut an. Das Labor kommt erst danach. Gefragt wird nach dem Beginn, dem Verlauf, nach Auslösern der letzten Monate, nach Medikamenten, nach dem Zyklus und nach Haarausfall in der Familie.
Ein sanfter Zugtest macht sichtbar, ob momentan ungewöhnlich viele Haare nur locker sitzen. Ob die Haare gleichmäßig dünn sind oder einzelne Wurzeln verkümmern, lässt sich mit einer Lupenkamera erkennen. Zuverlässiger als jeder Bluttest unterscheidet dieses Muster den diffusen vom erblichen Haarausfall.
Das Bild wird durch Laborwerte ergänzt, in der Regel Ferritin, der Schilddrüsenwert TSH und, abhängig vom Verdacht, Hormone oder Vitamin D. Die Praxis hat es leichter, wenn jemand vorher mit dem Handy den Scheitel fotografiert und die Haare in der Bürste über eine Woche gezählt hat.
Was hilft, und wie lange dauert es?
Ob ein Mittel wirkt, richtet sich nach dem Befund. Genau deshalb enttäuschen Wundermittel aus dem Internet so oft. Wächst ein Eisenmangel abgestellt oder ist die Schilddrüse eingestellt, kommen die Haare zurück, doch das dauert drei bis sechs Monate.
Für Frauen mit erblichem Haarausfall nennt die Leitlinie Minoxidil als Wirkstoff zum Auftragen; er kann den Verlauf bremsen und das Haar etwas dichter machen.1 Nur während der Anwendung wirkt er, und ob er im Einzelfall passt, entscheidet die Praxis, ebenso wie die Frage nach einer Hormontherapie.
Ernährung und Alltag verändern den Verlauf nicht grundlegend, doch die Voraussetzungen entstehen dadurch. Eiweiß ist der Baustoff der Haare, und isst jemand über Wochen zu wenig davon, spart der Körper zuerst am Haar, wie im Artikel über den Eiweißbedarf pro Tag nachzulesen ist.
So sieht das praktisch aus
- Der Verlauf wird dokumentiert: Alle vier Wochen ein Foto vom Scheitel, immer bei gleichem Licht, macht Veränderungen sichtbar, die im Spiegel nicht auffallen.
- Die Auslöser der letzten Monate kommen auf einen Zettel: Am häufigsten führen Infekte, Operationen, Diäten, neue Medikamente und belastende Phasen zu diffusem Ausfall.
- Erst das Labor, dann die Tablette: Ferritin und TSH zählen zur Basis, und eine Ergänzung kommt nur bei einem Mangel in Frage, der gemessen wurde.
- Die Kopfhaut bleibt in Ruhe: Haare, die ohnehin feiner werden, brechen durch straffe Zöpfe, häufiges Färben und heißes Föhnen.
- Stress bekommt einen festen Platz: Wie der Artikel über das Senken von Cortisol erklärt, hält anhaltende Anspannung den diffusen Ausfall länger aufrecht.
Kein schneller Weg, aber ein klarer
In den Wechseljahren ist Haarausfall nur selten ein Hinweis auf etwas Ernstes, und mit einem Shampoo ist er meist nicht behoben. Wer die Ursache sucht, braucht einen Praxisbesuch und ein Labor, spart dadurch aber Monate mit Mitteln, die nicht zum Problem passen.
Wer dokumentiert, wie der Verlauf aussieht, die Auslöser ordnet und die beiden Standardwerte prüfen lässt, hat nach meist wenigen Wochen Klarheit darüber, womit er es zu tun hat. Gehen die Haare büschelweise verloren, bilden sich kahle Stellen, oder treten Beschwerden wie Müdigkeit und Gewichtsveränderung hinzu, sollte das zügig ärztlich abgeklärt werden.
Quellen
-
Kanti, V. et al., „Evidence-based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men – short version”, Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 2018, doi.org ↩ ↩2
-
Trost, L. B. et al., „The diagnosis and treatment of iron deficiency and its potential relationship to hair loss”, Journal of the American Academy of Dermatology, 2006, doi.org ↩
-
Vincent, M., Yogiraj, K., „A descriptive study of alopecia patterns and their relation to thyroid dysfunction”, International Journal of Trichology, 2013, doi.org ↩